Einblicke und Erzählungen

 


Hospizarbeit und wie sie für mich begann:

 

ich beschäftigte mich mit dem Buddhismus und die Lehren hatten den Weg in mein Herz bereits gefunden. Ich war lange in Indien unterwegs und hatte mir, wie früher auch schon oft, aber dort besonders, viele Gedanken über das Leben und auch das Sterben gemacht, hatte Texte gelesen und versucht, „den Buddhismus“ zu praktizieren. Als ich zurückkam, wollte ich meinem Leben eine neue Richtung geben und nahm an einer Schulung für ehrenamtliche Hospizarbeit teil. Danach begleitete ich zwei Menschen bis hin zu ihrem Tod und wie ich es empfand „durch den Tod hindurch“, denn im Moment des Abschieds spürte ich die Verbundenheit von meinem Geist mit dem der Sterbenden und hatte überhaupt nicht das Gefühl von irgendeinem Ende oder zu Ende sein des Lebens; im Gegenteil, ich konnte, nachdem der Tod eingetreten war, das Zimmer lange nicht verlassen, um die Schwester zu holen, so groß war mein Empfinden von währender Präsenz im Raum und das Gefühl einer tiefen Dankbarkeit beiderseits, so, als würde ich ein Band zerreißen, wenn ich nun aufstünde und ginge. Ich war beeindruckt von dieser „Arbeit“ und stets voller Freude, wenn ich von einem Besuch kam, ganz gleich ob die Umstände nun „schön“ oder „schwer“, „traurig“ oder „fröhlich“ waren. Die Tatsache jemandem beizustehen, irgendwie Erleichterung zu verschaffen oder ein wenig die Angst nehmen zu können in solch einer schweren Situation, auf diesem letzten Lebensabschnitt, berührte mich sehr und jeder Moment war irgendwie gleich wertvoll im Angesicht der nahenden Endlichkeit. Ich wollte die Aufgabe, Menschen am Lebensende zu begleiten, zu meinem Beruf machen. Meine Grundausbildung  als Diplom-Pädagogin gab mir das Rüstzeug dazu und die Möglichkeit, eine Weiterbildung zur Palliative-Care Fachkraft zu absolvieren. Weiterhin eng mit meinem buddhistischen Weg verbunden, suchte ich dann nach einer Möglichkeit beide „Leidenschaften“ miteinander zu verknüpfen und machte mir Gedanken über die Gründung eines „buddhistischen Hospizdienstes“.  Ich suchte nach Ansprechpartner/innen und Mitstreiter/innen für diese Idee und wurde schnell fündig.

Im Bodhicharya Deutschland e.V. hatte sich bereits eine Gruppe von interessierten Menschen zusammengefunden, die an der Entwicklung eines derartigen Konzeptes arbeitete. In Zusammenarbeit mit dem Ricam Hospiz Berlin entwickelten sie eine Schulung für ehrenamtliche Sterbebegleiter/innen mit buddhistischem  Hintergrund. An dieser Schulung nahm ich Teil. Dozentin war unter anderen Lisa Freund, die mit ihrem ersten Konzept die Vision von Bodhicharya Ambulantes Hospiz hat entstehen lassen. Als eine der Gründerinnen und Hauptakteurin der Gruppe war sie maßgeblich an der Entstehung und Konzeption unseres jetzigen Hospizdienstes „Bodhicharya Ambulantes Hospiz“ beteiligt.

Im April 2007 startete dann die erste „eigene“ Hospizschulung in unseren Räumen und am Ende des Jahres haben wir 15 „eigene“ Bodhicharya Hospizhelfer/innen. Die Begleitungsarbeit beginnt.
2008 gehe ich in Elternzeit und Miriam Pokora (Kinderkrankenschwester und Teilnehmerin der ersten Schulung), übernimmt das Ruder. Nun hat wieder ein kleiner Rollentausch stattgefunden, denn jetzt ist Miriam in Elternzeit. Wir haben einen weitere Koordinatorin, Karin Rothe-Hasselblatt (Krankenschwester und lange Jahre im Ricam Hospiz tätig) hinzu gewonnen und haben gemeinsam mit unseren nun schon aus drei Gruppen stammenden Ehrenamtlichen insgesamt mehr als 80 Menschen begleitet und viele Angehörige oder Trauernde beraten.
Wir sind mit anderen Pflegeeinrichtungen, Pflegediensten, Sozialstationen, Krankenhäusern und Ärzten vernetzt, an den Deutschen Hospizverband angeschlossen, organisieren Veranstaltungen, Fortbildungs- und laufende thematische Angebote sowie Beratungen und ein Lichterritual.
Auch wenn bei der Leitung eines Hospizdienstes sehr viel mehr Bürotätigkeit anfällt, als ich damals dachte, und man nicht nur für die Menschen da ist: Die Arbeit gefällt mir immer noch gut.

Ein kleiner Einblick in unsere Begleitunsarbeit enthalten die folgenden Aufzeichnungen. Inhalt und Namen sind so verändert, dass unsere Schweigepflicht gewährleistet wird.

(Michalea Dräger)


 

Aus dem "Tagebuch" meiner Begleitung als Koordinatorin:


Frau P. öffnet die Tür unter Tränen. Sie wirkt sehr geschwächt, als sie mich durch den langen Flur ins ins Wohnzimmer führt. Eine große, helle, stilvoll eingerichtete Wohnung. Wir setzen uns. Es tut ihr leid, dass Sie nur Wasser anzubieten habe, zum Kaffee kochen sei sie nicht gekommen, es ist ja gerade alles so viel ... Sie ist eine sehr zarte, ältere Dame und sie wirkt sehr aufgewühlt. Die Nerven aufs äußerst angespannt. Über Tage hat sie versucht gefasst zu bleiben, wie ich vermute und Schmerz und Angst im Griff zu behalten. Nun scheinen ihre Worte sie selbst zu überfluten. Der Arzt habe ihr vor zwei Tagen mitgeteilt, ihr Mann werde nun nicht mehr lange leben. Dabei dachte sie doch, dass mit der Entlassung aus dem Krankenhaus jetzt alles wieder bergauf gehen würde... . Ihr Mann wolle nichts mehr essen und kaum noch etwas trinken. Sie könne das nicht ertragen. Er müsse doch etwas zu sich nehmen. Sie kocht ihm seine Lieblingsspeisen, bringt ihm alles, was er gerne mag, aber er lehnt alles ab. Ein Häppchen hier und da, mehr will er nicht. Mit der Pflege steht sie ganz alleine da.
Ich höre zu, spüre, dass meine Anwesenheit sie etwas beruhigt und ebenso das „endlich-mit-jemandem-Sprechenkönnen“. Sie entschuldigt sich immer wieder für ihre Tränen und ihre Zerstreutheit und ich sage ihr, dass es unglaublich schwierig ist, was sie gerade aushalten muss, dass jeder Mensch in solch einer Situation verzweifeln würde und dass sie ruhig weinen dürfe. Auch, dass sie Hilfe annehmen darf erkläre ich ihr und merke, dies zu können fällt ihr schwer und muss erst in ihr wachsen. Ich biete ihr an nicht nur eine Begleitung für ihren Mann zu organisieren, sondern auch jemanden für sie. Jemand, der sie ein wenig unterstützt und mit dem sie offen sprechen kann. Jemand, der die Situation annimmt wie sie ist, vor dem sie keine Haltung bewahren muss oder der ihr sagt: „Das wird schon wieder“. Jemand der regelmäßig da ist, ihr Sicherheit gibt, ihr aber auch Raum lässt, wenn sie keinen Besuch möchte und lieber allein sein will. Ich kläre sie auf über Hospize im Allgemeinen und was wir als ambulanter Dienst genau tun können. Wir überlegen auch, ob eventuell an ein stationäres Hospiz gedacht werden könnte. Nein, wenn es irgendwie geht, möchte sie, dass ihr Mann zu Hause bleibt..

Wir gehen ins Schlafzimmer. Angesichts des Fortschritts der Erkrankung von der Frau P. berichtet hatte, bin ich nun überrascht wie gut ihr Mann ausschaut. Er ist  selbst mit dieser schweren Krankheit und trotz der erkennbaren Schwäche ein sehr schöner Mann, mit strahlenden, blauen Augen. Ich stelle mich vor und erkläre ihm kurz, was wir anbieten. Mit Blick auf seine Frau sage ich ihm, dass wir darüber nachgedacht haben, dass etwas Hilfe gut tun könne. Vielleicht mag auch er von einem lieben Menschen besucht werden ?
Er versteht das Angebot so noch nicht ganz und antwortet, er brauche momentan sehr viel Ruhe. Er wolle sich erst einmal erholen, Kraft tanken, noch ein paar Tage… vor allem Ruhe brauche er. „Ja, die Ruhe - wenn alles Äußere und auch die Gedanken zur Ruhe kommen, kann man im Inneren Kraft schöpfen und der Geist wird klar“ antworte ich, weil ich weiß, dass er mich versteht. Er freut sich über diese Antwort und fragt mich, ob ich mich mit „solchen Dingen“ beschäftige. So kommen wir auf das Thema Buddhismus zu sprechen. Dies interessiert ihn. Er habe damals, vor vielen Jahren oft den buddhistischen Tempel in Frohnau besucht, das habe ihm sehr gefallen. Ja, ein paar nette Gespräche zu diesem Thema, das könnte ihm schon Freude bereiten. Er scheint ein sehr intellektueller Mensch zu sein und ich habe das Gefühl auch die Schönheit, z.B. in der Kunst oder der Musik, liegt ihm am Herzen. Mit seiner Frau geht er sehr liebevoll um und drückt ihr sein Vertrauen aus. „Du weißt schon, was mir gut tut. Du wirst schon das Richtige für mich in die Wege leiten“, sagt er, als wir das Zimmer verlassen und für mich hört es sich an wie: „In Deine Hände lege ich meine letzten Wünsche, lege ich alles was da noch ist, lege ich meinen Geist.“ Frau P. weint.

Wir besprechen dann noch die Dinge für die Krankenkasse. Um Hilfe in der Pflege und eine andere Pflegestufe zu bekommen, soll Frau P. eine Woche lang Tagebuch führen über die Arbeiten, die sie für ihren Mann verrichtet. Dann soll sie mit Hilfe dieser Aufzeichnungen die neue Pflegestufe beantragen. Es ist klar: das geht überhaupt nicht. Die Zeit, die bleibt ist viel zu knapp. Frau P. braucht umgehend pflegerische Unterstützung. Ich nehme wichtige Telefonnummern mit und sage Ihr, dass ich mich um alles kümmere. Sie ist sehr dankbar.

Als ich draußen bin, im Licht der Sonne, spüre ich sie wieder -  die Freude.

 (Michaela Dräger)

 

 

Aus dem "Tagebuch" einer ehrenamtlichen Begleiterin:

 

Als ich heute Nachmittag zu Frau S. komme, liegt sie nicht wie sonst auf dem Sofa sondern im Bett. Sie erzählt, dass sie in der Nacht kaum geschlafen hat, weil es ihr nicht gut ging. Schon in der letzten Woche hatte sie viele Schmerzen, da sie die Medikamente nicht mehr gut verträgt. Sie sagt, dass sie den Winter wohl nicht mehr sehen wird. Sie war noch einmal an der Ostsee und hat das Meer ein letztes Mal gesehen, worüber sie sehr glücklich ist. Wir reden darüber, dass ihr das eigentlich keine Angst macht, nur die Trauer ihrer Angehörigen belastet sie sehr. Sie fühlt sich heute sehr schwach und wünscht sich dennoch die Lichtmeditation, denn: „Ich brauche dabei ja gar nichts zu machen!“

Ich entzünde die „Meditationskerze“, setze mich mit dem Stuhl an das Kopfende des Bettes und bitte Frau S. sich so bequem wie möglich hinzulegen und die Augen zu schließen.

Nach einem gemeinsamen tiefen Atemzug lenke ich ihre Aufmerksamkeit auf ihren Körper:

„Spüre den ganzen Körper auf den Kissen aufliegend. Stell Dir sanft und spielerisch vor auf Wolken zu liegen, Dich tragend und haltend, über Dir der endlose Himmel, strahlend blau und weit. Lass langsam auf Deinem Gesicht ein Lächeln entstehen und beobachte die feinen Muskelbewegungen um die Augen die dieses Lächeln hervorruft. Allmählich breitet das Lächeln sich aus,  stell Dir vor Deinem Herzen zuzulächeln, so dass es ganz zart berührt wird. Dann sieh und spüre Deine persönliche Kraftquelle direkt über Dir und lasse strahlend weißes Licht aus ihr herabströmen. Beobachte und fühle wie allmählich Dein ganzer Körper von weißem Licht umhüllt und erfüllt wird. Eine Lichtwelle folgt der nächsten, langsam und sanft. Lass diese Lichtwellen immer und immer wieder entspannt durch den Körper pulsieren. Wenn du Dich ganz erfüllt von Licht fühlst und spürst dass es heute das Richtige für Dich ist, kannst Du die Lichtwellen auch auf andere Menschen ausdehnen um ihnen wohltuende Energie zu spenden. Am Ende der Meditation spüre wieder Deinen Atem, dann Deinen Körper auf den Kissen aufliegend und bewege ein wenig die Hände und Finger. Wenn für Dich der richtige Zeitpunkt gekommen ist, öffne die Augen, ganz so wie es sich für Dich heute richtig anfühlt.“

Wir schweigen noch einige Minuten und lassen die Meditation nachwirken ehe Frau S. die Augen öffnet und reden möchte.

Dann erzählt sie von ihren Erfahrungen während der Meditation: Sie hat viele freundlich lachende Menschen gesehen und alles war in Licht gehüllt. Es gab keine Dunkelheit mehr, nur Weite in die sie sich fallenlassen konnte. Sie hat diese Weite als eine vertrauensvolle Weite erlebt, die sie auch von ihren Asienreisen her kennt. Das weiße Licht kam „wie von der Milchstrasse“ und sie hatte das Bild des „Wassermannes mit großem Füllhorn“, der das Licht über ihr ausgoss. Schließlich kamen die Wellen des Lichts aus dem All und von überall her, nicht mehr aus der Kraftquelle, die sie eigentlich gar nicht mehr braucht. An andere wollte sie heute kein Licht schicken, heute wollte sie „alles für sich selbst“!

Frau S. fühlt sich nach der Meditation ruhig und entspannt, wir reden nur noch wenig. Nachdem sie von ihren Erfahrungen berichtet hat, verabreden wir uns für die nächste Woche und ich verabschiede mich von ihr.

 (Isolde Schwarz)

 



Zum Thema: Fortbildung für Sterbebegleiter/innen zur Begleitung von Menschen mit Demenz


Nur um eine Straßenecke ...


Als ich mit der Hospizarbeit begann, besuchte ich eine ältere Dame ehrenamtlich in einem Pflegeheim. Es war meine erste Begleitung im Rahmen eines Praktikums und ich war überhaupt nicht vorbereitet auf die Dinge, die mir dort begegnen sollten. Im Vorbereitungskurs hatten wir kurz über das Thema Demenz gesprochen, aber viel mehr, als dass es Vergesslichkeit oder eine Art gestörte Wahrnehmung bedeute, erfuhr ich nicht. Ich wusste nichts über Kommunikationsmöglichkeiten wie Validation oder basale Stimmulation und auch nichts über eventuelle Schwierigkeiten, die auftreten könnten und wie ich damit umzugehen hätte.


Völlig unbedarft, ging ich also zu meinem ersten Besuch. Ich wurde von der zuständigen Schwester freundlich empfangen, in einen Aufenthaltsraum geführt und mit Frau R. bekannt gemacht. Frau R. spiele sehr gern „Mensch ärgere Dich nicht“, wurde mir mitgeteilt, und schon hatten wir beide ein Spielbrett vor der Nase (der Tisch war ziemlich hoch) und die grünen und roten Püppchen warteten darauf, über das Feld zu hüpfen.


„Ich gewinne immer“, sagte Frau R. noch und schon legte sie los. Ich konnte nicht fassen, wie schnell sie spielte. Sie würfelte und rannte, würfelte und rannte; besser gesagt, ihre Spielpüppchen rannten mit ihrer Hände Hilfe auf dem Brett umher, als liefen sie um ihr Leben; so flink, dass ich Mühe hatte, mitzukommen. Viel redete sie dabei nicht, so sehr war sie im Spielfieber. Zwischendurch musste ich immer wieder aufstehen und eine andere Dame beruhigen, die mit den Worten: „Jetzt gehe ich aber nach Hause“, von ihrem Stuhl aufsprang und versuchte loszulaufen. Weil sie sehr schwach auf den Beinen war, drohte sie ständig umzukippen. „Aber sie sind doch hier zu Hause“, sagte ich, während ich ihr half, sich auf den Stuhl zu setzten, was sie, verständlicherweise, nur noch mehr zu verwirren schien. „Meine“ Dame wollte nun aber endlich zum Zuge kommen, ihre grünen Püppchen hüpften schon erwartungsvoll vor ihrem „Stall“ hin und her und sie selbst schien bereits recht ungeduldig, als ich ihr rums-bums einen Strich durch die Rechnung machte, indem ich ihre vorletzte Figur mit Schwung danieder streckte. Das hätte ich nicht tun sollen. Die alte Dame wurde sichtlich ärgerlich. Ich fürchtete mich fast. Von nun an war ich bemüht, meine „Roten“ immer brav zurück zu halten. Und siehe da: „Ja, Sie gewinnen immer !“, lächelte ich und gratulierte. Frau R. war äußerst glücklich.


Beim nächsten Treffen möchte ich mit Frau R. einen kleinen Ausflug machen. „Wir gehen Eis essen“, sage ich „Sie mögen doch sicher gern Eis?“ und mache mir keine Gedanken darüber, dass sie mich gar nicht mehr wieder erkennt. Sie fasst Vertrauen und im Rollstuhl geht es ab auf die Straße, die Häuserreihe entlang, bis zur Eisdiele. Alles geht gut. Das Eis scheint Frau R. allerdings nicht sehr zu munden, denn sie hält es nur fest, ohne es zu essen und es läuft und läuft, bis ich die Reste entsorge. „So, dann geht’s jetzt mal wieder zurück“ sage ich „wir können ja einmal um den Block fahren“. Die Hälfte des Wegs haben wir bereits geschafft, als ich bemerke, dass Frau R. plötzlich ganz unruhig wird. Sie gibt verschiedenste Zeichen und Laute von sich, die ich aber nicht verstehe. Es wird mir jedoch klar: sie hat Angst, sie hat große Angst, sie hat die Orientierung verloren, weiß nicht mehr, wo sie ist. Der kleine Umweg, nur um eine Straßenecke war der Auslöser für eine Panik. Und: „Wer ist überhaupt diese Frau, die mich hier durch die Gegend fährt ?“ lese ich in ihren von Angst erfüllten Augen. Ich glaube, sie hat nicht die leiseste Ahnung. Wer hätte in solch einer Situation keine Panik ? Ich rede beruhigend auf sie ein: „Wir sind gleich da Frau R., alles ist gut, sie werden sehen...“ aber es hilft nichts, ihre Angst steigert sich mehr und mehr und sie fängt an zu schreien. „Oh Gott, was mache ich nur ?“, denke ich und beeile mich anzukommen, schiebe schneller, fange an zu rennen, während die alte Dame beginnt, immer lauter und eindringlicher zu schreien. Passanten blicken sich um. Hoffentlich vermuten sie keine Entführung !


Noch sehnlicher hoffe ich, dass wir endlich ankommen. Erst als wir die Pforte des Pflegeheims passieren, beruhigt sich Frau R. allmählich. Als wir oben sind, lächelt sie schon wieder. Was für ein schöner Ausflug. Oder hat sie alles schon vergessen?

(Michaela Dräger)

 

 

 
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